
Bildungspolitik in Schleswig-Holstein heute und morgen
Podiumsdiskussion am
9.02.2005 um 19.30 Uhr
in Lübeck
im Otto-Passarge-Saal, Gr. Burgstr. 51
mit
Dr. Henning Höppner(Stellv. Vorsitzender der Landtagsfraktion)
Hajo Hoffmann(Vors. der AfB Schleswig-Holstein)
Moderation: Dr. Cornelia Östreich(Stellvertretende Kreisvorsitzende)
Zur Podiumsdiskussion mit Hajo Hoffmann, Landesvorsitzender der AfB (SPD-Arbeitsgemeinschaft für Bildung) und Dr. Henning Höppner, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion, hatte sich am Mittwoch Abend ein kleines, aber um so engagierteres Publikum eingefunden.
Viele Zuhörer konnten aus eigener Erfahrung mit Schule – Lehrtätigkeit
oder Elternvertretung – präzise und auch kritische Fragen zur schleswig-holsteinischen
Bildungspolitik stellen. Besonders groß war das Interesse an Konzeption
und praktischer Durchführbarkeit des SPD-Zukunftsprojekts "Gemeinschaftsschule".
Gibt es überhaupt einheitliche "Lehren aus PISA" – aus dem Schock über das schlechte Abschneiden Deutschlands in internationalen Schulvergleichen? Und wie lange würde die Umsetzung dieser Lehren in konkrete Bildungspolitik dauern? Diese Fragen stellte einleitend Cornelia Östreich, stellvertretende SPD-Kreisvorsitzende und Moderatorin der Diskussion.
Hajo Hoffmann nannte als alarmierendstes Ergebnis von PISA für Deutschland die enorme Spannbreite der Leistungen von 15-Jährigen – zwischen international "oberem Mittelfeld" und dem Niveau mancher Entwicklungsländer. Dies sei in den Ländern der internationalen Spitzengruppe anders, die sämtlich über ein gemeinschaftliches Schulsystem verfügten. Auffällig sei zudem, dass die Leistungen deutscher Kinder zu Ende der Grundschulzeit (laut IGLU-Test) noch sehr viel homogener und insgesamt besser waren. Ein gemeinsames Lernen wie in der Grundschule strebe die AfB nun auch für die weitere Schulzeit an – am besten während ganzer zehn Schuljahre, und am liebsten rasch.
Den Zeitrahmen wollte Dr. Henning Höppner nicht bestätigen, der für den Umbau der Schullandschaft eher "bis 2020" veranschlagte. Für die Notwendigkeit dieses Umbaus konnte er jedoch aus seiner Tätigkeit als Schulamtsleiter detaillierte Gründe anführen. "Sitzenbleiben als erstes Instrument der Förderung" – dies sei nicht nur individuell belastend, sondern auch ineffizient und teuer. Die vielfach geforderte "Durchlässigkeit" unseres Schulsystems funktioniere lediglich von oben nach unten. Vor allem aber würde die demographische Entwicklung – bis 2010 minus 22 % in der Gruppe der bis 5-Jährigen – mittelfristig eine Zusammenlegung von Schulen erzwingen, die sonst ihre gesetzlichen Auflagen nicht mehr erfüllen können. Für diese Zusammenlegung gebe es die unterschiedlichsten Modelle: kooperativ oder integriert, "Andocken" von Realschulzweigen an Gymnasien (statt immer nur umgekehrt), offenen oder gebundenen Ganztagsbetrieb. Statt der bisherigen Außendifferenzierung würden die Schüler ein individuelles Förderprogramm in variablen Lerngruppen erhalten.
Die Darstellung einer "Einheitsschule", mit der die CDU Stimmung gegen die Pläne der SPD zu machen versuche ("Alle Kinder in einer Klasse"), sei hingegen schlichtweg falsch.
In den Fragen aus dem Publikum wurde vor allem das Interesse an einer besseren Förderung der Schüler und das Problem der Schulübergangsempfehlungen deutlich. Letztere hätten eine unterschiedliche, aber nie befriedigende "Trefferquote" und würden zudem nach Standort stark variieren, stellte Dr. Höppner klar. Wenn man sich über die "Drittelung" der Schulempfehlungen an einer IGS den Kopf zerbreche – was sei dann mit Realschulen, von deren Absolventen ein Drittel später das Abitur nachhole? Seien diese dann auch "fehlbelegt"? Sei es nicht unterstützenswert und sogar erforderlich, dass immer mehr Menschen einen Bildungsabschluss mit Hochschulzugang anstreben?
Überhaupt, der internationale Vergleich: Durch immer mehr Schulpartnerschaften mit dem europäischen Ausland wachse die Erkenntnis, wie integrierte Systeme anderswo funktionierten, und die Einsicht in die Schwächen des eigenen dreigliedrigen Schulwesens. Dadurch sei die Akzeptanz für das Projekt Gemeinschaftsschule inzwischen viel größer als in den 1970ern.
Auf die ungeduldige Frage nach einem eindeutigen Weg und Zeitplan für die Reform mussten die Referenten auf die Schulverfassung verweisen: Ein bunter Flickenteppich von Kommunen und unterschiedlichen Schulträgerschaften – gerade in Schleswig-Holstein – zwinge die Verantwortlichen zum Vorgehen im Konsens und zu Geduld. Dies könne jedoch nicht dazu führen, dass auf dem Lande, infolge nackter Standortfragen, irgendwann eine ganz andere Schullandschaft existiere als in der Stadt. Eine einheitliche Schulentwicklungspolitik sei vielmehr nötig – so wie es auch das im PISA-Test so erfolgreiche Finnland vorgemacht habe.
In Schleswig-Holstein ist nun vieles so gut vorgedacht, dass zahlreiche Anfragen vor allem aus den südlichen Bundesländern kämen: "Wie macht man eigentlich Gemeinschaftsschule?" In Thüringen, unter einer CDU-Landesregierung, gibt es bereits eine "staatliche Regelschule" – andere östliche Bundesländer, auch mit konservativer Mehrheit, dächten unter dem Druck der Bevölkerungsentwicklung akut darüber nach. Die Ablehnung der "Einheitsschule" sei also nicht einmal in der CDU Konsens!
Weitere Fragen betrafen die Integration behinderter Kinder in die neuen Schulstrukturen, das Zusammenwirken von Schule und Jugendhilfe in der Ganztagsschule und überhaupt die Umsetzung des Ganztagsschulprogramms in Schleswig-Holstein. Sei Lübeck bei der letzten Mittelvergabe mit nur zwei Maßnahmen (Eichholz und Moisling) nicht zu schlecht weggekommen? Hier verwies der SPD-Kreisvorsitzende Wolfgang Baasch auf das beträchtliche Finanzvolumen dieser Maßnahmen – und auf die Tatsache, dass Lübeck in den Jahren zuvor weit überdurchschnittlich Fördermittel für Ganztagsschulen abgeschöpft habe. Nun seien zunächst andere dran; danach werde auch Lübeck wieder Anträge auf Förderung durchbringen.
Nach zwei Stunden intensiver Diskussion waren viele, wenn auch sicher nicht alle Fragen beantwortet. Zur Weiterentwicklung von Bildungsabschlüssen, dem Wandel von Studiengängen nach EU-Vorgaben sowie zum brisanten Thema Studiengebühren sollte es eine eigene Veranstaltung geben. Zur Erinnerung: Gebühren für ein Erststudium werden von der SPD in Bund wie Land entschieden abgelehnt. Doch müsse man einen Umgang mit der Praxis anderer Länder finden. Vorausgesetzt, es bleibe bei Rot-Grün und bei der Möglichkeit, "Bildungspolitik nach PISA" im Land weiterhin aktiv zu gestalten. Die Referenten erhielten für ihre kundigen und engagierten Auskünfte viel Applaus.
Warum wir eine Schule für alle brauchen
Gutachten IFS - Prof. Dr. Ernst Rösner
Schulentwicklung in Schleswig-Holstein
Veränderungen der Schulstruktur in Schleswig-Holstein als Konsequenz demografischer und gesellschaftlicher Entwicklungen
Internet:
AfB - Schleswig-Holstein